Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig die Strukturen der katholischen Kirche zu dem passen, was von Jesus überliefert ist.
Bei der Entstehung der Kirche wurden die Strukturen übernommen, die man kannte: das streng hierarchische Organigramm des römischen Reiches – eines Reiches, das wie eine Armee organisiert war und handelte. Genauso dann die Kirche: der Papst, Kardinäle, Bischöfe. Pfarrer, Diakon. Dann – zumindest heute in Deutschland: Pastoral- und Gemeindereferenten. Und Ehrenamtliche.
Diese Hierarchie und Machtansammlung finden wir in den Evangelien nicht. Jesus machte keinen Unterschied zwischen den Menschen, er behandelte Frauen, Zöllner, Kranke gleich. Jesus stellt sich nicht über andere. Im Gegenteil. Jesus diente.
Das lesen wir in der Bibel und auch in Schriften, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben, wie im Evangelium der Maria Magdalena, das in Fragmenten erhalten ist.
Wenn wir die Evangelien danach durchforsten, wie Jesus diese Gemeinschaft organisierte, dann finden wir kein hierarchisches titelbasiertes exklusiv-männliches Organigramm. Wir finden Merkmale selbstführender Organisationen, in denen Menschen in ihrer Ganzheit gesehen werden und wirken. Genau diese Eigenschaften sind es, die zukunftsfähige Organisationen heute ausmachen. Frederic Laloux1 bezeichnet Selbstführung, Ganzheit und evolutionärer Sinn als die drei Durchbrüche von evolutionären Organisationen. Mit der Metapher des lebendigen Systems bringt er auf den Punkt, wie Organisationen in unserer heutigen Zeit bestehen können: wenn Menschen agil, innovativ und engagiert zusammen arbeiten.
Das geht heute, mit digitalen Medien und der Möglichkeit, binnen Sekunden Nachrichten in die ganze Welt zu senden.
Vor 2000 Jahren nutzten die Menschen andere Medien:
- Das damals neueste Medium war die Schrift. Und genau die nutzte Paulus, als er seine berühmten Briefe an die Gemeinden schickte, in denen er bereits von den Ideen Jesu erzählt hatte. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Dieser Satz stammt aus dem Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hatte.
- Jesus selbst hat nichts aufgeschrieben – übrigens wie alle großen Religionsgründer. Aber er hat das älteste Medium genutzt, das wir Menschen erfunden haben: er hat Geschichten erzählt. Und diese Geschichten wurden weitererzählt und oft lange Zeit später aufgeschrieben. Die vier Evangelien, die heute in der Bibel stehen, sind zwischen 70 und 100 n. Chr. entstanden, so die mehrheitliche Meinung der Historiker.
Die Art, wie die Geschichten erzählt und die Evangelien geschrieben wurden, folgte bestimmten Mustern. Vom vierfachen Schriftsinn über die orientalische Erzählstruktur bis hin zu Informationen, die im übertragenen oder verschlüsselten Sinn überliefert wurden, als Christen verfolgt wurden, all dies ist noch heute in den Geschichten enthalten. Sie enthalten weit mehr Informationen als den wörtlichen Sinn.
Aber: wenn der evolutionäre Sinn der katholischen Kirche zu Beginn darin bestand, dass die Gedanken von Jesus dessen eigenes Leben überdauern, dann war diese hierarchische Organisationsstruktur vielleicht die einzig richtige.
Diese Struktur des Römischen Reiches kannten die Menschen, innerhalb dieser Struktur konnten sie handeln. Spätestens als im Jahr 313 Religionsfreiheit beschlossen wurde (vielleicht ein Erinnerungsfragment aus dem Geschichtsunterricht? Die Schlacht an der Milvischen Brücke 312, als sich Kaiser Konstantin zum Christentum bekannte). Danach entstand aus einer unterdrückten und verfolgten Religionsgemeinschaft eine Kirche, die gesellschaftlich und politisch zum dominierenden Faktor wurde.
Wahrscheinlich konnten die Gedanken Jesu, die in den Evangelien gesammelt sind, nur mit solch einer damals zeitgemäßen Struktur die Zeit überdauern.
Was sich wie ein roter Faden durch das Leben und Wirken Jesu zieht, sind hingegen etwas ganz anderes: seine Mahlfeiern. Gemeinschaft und Kommunikation passierte beim Essen: Das Hochzeitsmahl in Kanaan, das Mahl mit den Zöllnern im Haus von Levi. Die Speisungen der 5000 und der 4000. Das Mahl im Haus des Simon, das Mahl eines angesehenen Pharisäers, sein letztes Abendmahl.
All die Feste, die Jesus feierte, zeigen uns sein Verständnis von einem guten gemeinsamen Leben. Ein gutes gemeinsames Leben, das ich auch heute für erstrebenswert halte. Denn:
Die jesuanische Ethik schließt das Wohl aller ein, auch jener außerhalb der eigenen Gruppe.
Damit eignet sie sich als Universalethik, selbst für Menschen, die mit Gott selbst nichts anfangen können. In Zeiten großer Veränderungen durch die digitale Revolution sieht Erik Händeler2 genau dies als Chance für das Evangelium.
Und wenn ich nun die Gedanken von Frederich Laloux und Erik Händeler verbinde und weiterdenke, dann – ja, was dann? Dann würde die Kirche zu einer Organisation, die die Botschaften Jesu nicht nur verkündet, sondern durch und durch selbst lebt.
Diese zeitgemäßen Gedanken Jesu, die sowohl die Interessen der und des Einzelnen als auch zu anderen und zum Gemeinwohl berücksichtigen, könnten wir heute in einer Kirche als evolutionärer Organisation mit digitalen Medien realisieren. Damit wären auch alle eingeschlossen, die heute mit großem ehrenamtlichen Engagement in vielen Gemeinden den Betrieb überhaupt am Laufen halten und die sich mitunter bereits selbstführend, ganzheitlich und ökumenisch organisieren.
Im ersten Schritt würde dies eine immense organisatorische Selbsterneuerung erfordern. Noch viel weiterdenkend, als manche Diözese aufgrund schwindender Kirchensteuer größere Gemeinden plant und dabei unternehmerische Skalierung zu imitieren versucht. Dies wäre zwar im Vergleich zur Armee-Hierarchie organisationsgeschichtlich ein Fortschritt, aber nicht in Bezug auf die revolutionären Gedanken Jesu. Wenn schon Veränderung, dann doch gleich richtig und im Sinne Jesu. Eine Kirche, die ihre Inhalte zum Organisationsprinzip erhebt, könnte bedeuten: selbstführende Gemeinden mit natürlichen Hierarchien – so wie in der Urkirche. Gleichstellung von Männern und Frauen. Pay what you want statt Kirchensteuer – in vielen Ländern übrigens der Standard.
Im zweiten Schritt könnte die Kirche mit agilen jesuanischen Organisationsstrukturen als Global Player wirklich etwas bewegen.
Denn das Christentum, vor allem das protestantische, hat maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Das „Beten und Arbeiten“ verschob sich mit Martin Luther in Richtung Arbeit als Mitwirkung an der Schöpfung Gottes. Im Deutschen formulierte es erstmals der Dichter Justus Georg Schottelius (1612-1676): „Mensch, hilf dir selbst, so hilfet Gott mit.“ Er war Sohn eines lutherischen Pfarrers. Diese Arbeitsethik und die Alphabetisierung (Bibel selber lesen!) sorgte durch Bildung und höhere Produktivität für einen wirtschaftlichen Aufschwung in evangelischen Gebieten.
Gerade in Europa haben wir seit dem Mittelalter gelernt, mit verschiedenen Kulturen auf engem Raum umzugehen. Diese kulturellen Wurzeln bergen die Chance, ausgehend vom europäischen Christentum, neue Formen des guten gemeinsamen Zusammenlebens für uns heute zu finden.
Was nehmen wir daraus für Ostern mit – außer ein langes Wochenende?
